Saitengesang

für Violoncello und Klavier

Kompositionsauftrag von Young Euro Classic, finanziert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung
Entstehung: 2013
Uraufführung: 1.11.2013, Kasseler Musiktage

 


 

In meinem kurzen Kammermusikwerk „Saitengesang“ möchte ich einem essentiellen musikalischen Element Raum geben, das in der zeitgenössischen Musik oft nur stiefmütterlich behandelt wird und bisweilen gar nicht mehr stattfindet: der Melodie. Zeichnet sich die Gruppe der im klassischen Orchester vertretenen Streichinstrumente in erster Linie durch eine hohe klangliche Homogenität aus, so weist doch jeder seiner Protagonisten einen individuellen, ganz persönlichen Charakter auf. Neben seiner Wandlungsfähigkeit, seiner zuweilen kraftvollen Klangpräsenz sowie seiner Bassqualität ist das Violoncello dem Hörer besonders durch seine einzigartige Fähigkeit zur ausdrucksstarken Kantilene vertraut. Den Ausbruch meiner Musik aus dem Fragmenthaften, rhythmisch Dominierten und Kleinmotivischen, der sich in mehreren Vorgängerwerken immer wieder angebahnt hat, wagt daher schließlich ein Werk, bei dem das Cello im Vordergrund steht. Dieser Ausbruch bahnt sich seinen Weg in einem kompakten, verdichteten Prozess, welcher nicht unter der Oberfläche bleibt, aber doch nie ganz greifbar wird. Beginnend mit einer Geste, die in der zeitgenössischen Klangsprache verwurzelt zu sein scheint, sich jedoch als Keimzelle eines oft ganz anderen Klangkosmos voller Rückbezüge in eigenes und fremdes Schaffen entpuppt, geht das Stück seinen Weg von rituellen, fast trotzigen Gesten hin zu immer sanglicheren Fragmenten. Wie aus der Ferne wird der „Cantus“ hierauf subtil beleuchtet und wird nach und nach statischer und weniger fassbar, bis er sich in einer Art „verschwindender Verdichtung“ fast aufzulösen scheint und plötzlich eine beinahe scherzohaftige Leichtigkeit erahnen lässt. Jene Auflösung stellt sich jedoch als hinführendes Element heraus; dorthin, wo dieses Opus nun endlich enden darf. Und doch ist es wieder einmal nur ein Stück jenes Weges, der zu gehen ist, aber - ob schon gegangen oder noch nicht - immer eine letzte Rätselhaftigkeit behält ...


Christof Weiß



© Christof Johannes Weiß 2018