Drittes Klaviertrio „Gespräch unter Freunden“

für Klarinette, Viola und Klavier

Kompositionsauftrag des Mozartfestes Würzburg, gefördert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung
Entstehung: 2013–2014
Uraufführung: 4.6.2014, Mozartfest Würzburg

 


 

“Man hört vier vernünftige Leute sich unter einander unterhalten, glaubt ihren Discursen etwas abzugewinnen und die Eigenthümlichkeiten der Instrumente kennen zu lernen.“

Diese viel zitierte Beschreibung der Gattung Streichquartett, welche Goethe in einem Brief an Zelter schrieb, lässt sich zu einem gewissen Grade auf die Kammermusik im Allgemeinen übertragen, bietet diese den Komponisten doch die größte Entfaltungsmöglichkeit in Bezug auf Individualität und transparente Interaktion der Instrumente. Weniger der intellektuelle Diskurs als vielmehr die freundschaftliche Zuneigung zwischen verschiedenen Personen waren wohl die Motivation für die Komposition von Mozarts Kegelstatt-Trio. Aus dem spezifischen Zweck der „musikalischen Unterhaltung“ mit von ihm hochgeschätzten Menschen resultierte wohl auch die durchaus ungewöhnliche Besetzung: Anders als in der traditionellen Triobesetzung mit Violine und Cello oder der üblichen Substitution dieser Instrumente durch Blasinstrumente in ähnlicher Lage teilen sich Klarinette und Bratsche weitgehend dasselbe Register. Zudem weist das Trio eine gleichberechtigte Präsenz und Melodiefähigkeit aller drei Instrumente auf, was zu einer Atmosphäre von höflicher und respektvoller Kommunikation führt. Unter den Klarinettenwerken Mozarts, die alle eine sehr eigene Tiefe besitzen, ist das Kegelstatt-Trio das kleinste und privateste. Ohne je einfältig oder spannungsarm zu werden weist es eine erstaunliche Konfliktarmut auf, sind doch kaum Kontraste in Satztempi und Affekten, noch extreme Stimmungen zu finden.

Diese versöhnliche Grundhaltung, welche getragen sein mag von einer großen Wertschätzung des Gegenübers und einem tiefen, beinahe naiven Glauben an das Höhere im Menschen, einzufangen, zu spiegeln und in einer zeitgenössischen Musiksprache zu reflektieren, ist eine große Herausforderung, zumal die Neue Musik zumeist die Extreme bevorzugt und dem Beethovenschen dialektischen Geist weit näher zu sein scheint. Der Topos der Unterhaltung selbst spielt dabei in meinem Trio Gespräch unter Freunden die Hauptrolle, wobei verschiedene wechselseitige Positionen und Kommunikationshaltungen einander abwechseln und ineinander übergehen. Ausgehend von einem dichten Geflecht, welches die klangfarblichen Besonderheiten der Instrumente kaum aufzulösen vermag, schaffen sich diese nach und nach ihren Freiraum und finden zu einer Individualität, ohne die eine echte Kommunikation nicht möglich erscheint: Erst ein Minimum an Selbstreflexion und gefestigter Persönlichkeit schafft eine Grundlage für gleichberechtigtes zwischenmenschliches Agieren. Nach mehreren Anläufen der unterschiedlichen Akteure kristallisiert sich zunächst das Klavier als dominanter Protagonist heraus und tritt für eine Weile in deutlich erregterer Grundstimmung solistisch in Aktion. Zunächst reagiert die Klarinette auf dessen Ideen bis beide schließlich in den Hintergrund treten und Raum für die Bratsche lassen, den „auktorialen Erzähler“ des Kegelstatt-Trios (Mozart hat diesen Part wohl für sich selbst vorgesehen). Nachdem die Instrumente schließlich zusammengefunden haben, folgt der dritte Teil dieses Trios, welcher zunächst mehr an andere Stile als den Mozartschen erinnert: In einer dreistimmigen Fuge zu drei Themen, gleichsam drei kontrastierende Gedanken aus dem Mozart-Trio aufnehmend, treten die Individuen in die wohl intensivste Form musikalischer Interaktion. Hier wird die Eigenständigkeit nach und nach zu Gunsten des „Wir“ aufgegeben. Die drei sich etablierenden Linien münden schließlich in eine einzige, welche das Stück in kollektiver Euphorie zu seinem Ende trägt. Ganz im Mozartschen Sinne soll dieses Trio sich weniger durch „Gelehrtheit“ oder „vernünftigen Discurs“ auszeichnen, sondern vielmehr ein „Gespräch unter Freunden“ sein, eine Unterhaltung, die sich um diverse Facetten menschlichen Daseins dreht – und vielleicht auch hin und wieder um Wolfgang Amadés Kegelstatt-Trio ...


Christof Weiß



© Christof Johannes Weiß 2018